Hexenprozess von Marie-Catherine Cadiere
Biographie
Marie-Catherine Cadiere geb. 12. November 1709 in Toulon.
Das Mädchen aus Frankreich, war die tragische Person in dem Verfahren, das als letzter großer Hexenprozess vor dem französischen Gericht bekannt geworden war. Die tiefreligiöse Tochter von Catharine Cadiere, eine Witwe aus Toulon, war eine sehr schöne junge Frau. Durch den Pestzug 1720 litt sie offenbar unter körperlicher und geistiger Labilität und neigte zu religiöser Trance.
Das Leben bei Pater Jean – Baptiste Girard
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Pater Jean – Baptiste Girard
1728 im Alter von achtzehn Jahren schien sie jedoch ihr weiteres Leben in religiöser Aufopferung führen zu wollen und schloss sich in ihrer Heimatstadt einer Gruppe gleichgesinnter Frauen an, die unter Anleitung von Pater Jean – Baptiste Girard, eines geachteten Jesuiten, beteten und meditierten. Catharines Ambition war es augenscheinlich, durch ihre Hingabe eine Heilige zu werden, und das führte sie ihrer Behauptung zufolge dazu, dass sie sich um eine besondere Beziehung zu dem Geistlichen haben wollte. Andere spekulierten, sie habe sich in den fünfzigjährigen Kleriker verliebt, und meinten weiter, daß dies nur das Ergebnis einer Hexerei von seiner Seite sein könne.
Fast zwei Jahre lang bestärkte der Pater Catharine sie in ihren Hoffnungen, in den Stand der Heiligkeit zu gelangen, doch schliesslich begann er daran zu zweifeln, daß sie jemals einen solchen Status erreichen würde, und empfahl ihr, in das Kloster Ste. Claire d‘Olhoules einzutreten. Diese Enttäuschung war sehr hart für Marie – Catharine, und bald litt sie unter starken Anfällen, Halluzinationen und Hysterie. Die Versuche, das Mädchen durch Teufelsaustreibung von den Dämonen zu befreien, die sie zu quälen schienen, schlugen fehl. Sie behauptete nun, daß ihre Qualen die Folge der Behexung durch Girard seien, der sie verführt habe. Inzwischen machten ihr Bruder und ihre Rechtsanwälte vier weitere Schülerinnen von Girard und vier Nonnen ausfindig, die gewillt waren, ähnliche Anschuldigungen gegen den Geistlichen vorzubringen.
Der Fall Cadiere
Der Skandal weitete sich schnell aus, und die Angelegenheit wurde unter großem Aufsehen bald vor Gericht gebracht. Der Prozess begann am 10. Januar 1731 begleitet von Szenen nahezu hysterischer Aufregung. Am Vorabend ließ Marie – Catharine, unterstützt von ihrem Bruder (der offenbar hoffte, daß seine Schwester heilig gesprochen würde), eine mitternächtliche Teufelsaustreibung vornehmen. Die große Volksmenge, die dabei zuschaute, wurde mit dem „Beweis“ der Besessenheit des Mädchens belohnt, als Marie – Catharine in einen Zustand bewegungsloser Trance fiel.
Das Beweismaterial, das in dem Prozess ans Tageslicht kam, war sensationell. Marie – Catharine hatte anscheinend behauptet, „vertraulichen Umgang mit Gott“ zu haben, war angeblich aber von Girard dazu veranlasst worden, ihm hei einer Reihe sexueller Perversionen willig zu sein. Der entscheidende Augenblick sei gewesen, als Girard sich über sie gebeugt und seinen Atem über ihr Gesicht habe strömen lassen, so dass sie von Liebe zu ihm magisch verzehrt worden sei: „Dann beugte er sich nieder, brachte seinen Mund nahe an ihren und hauchte sie an, was eine so gewaltige Wirkung auf das Gemüt der Jungen Dame hatte, daß sie sofort von Liebe hingerissen war und einwilligte, sich ihm hinzugeben. Auf diese Weise behexte er Seele und Neigungen dieses unglücklichen Beichtkindes“
Der Priester, so behauptete Marie – Catharine, habe sich dann systematisch darangemacht, sie ihrer Ehre zu berauben. Zuerst habe er sie geküsst und ihren Körper gestreichelt und dabei gesagt, es könne „heilige Freiheit“ verheißen, ihre Brüste liebkosend, habe er erklärt, daß sie durch solche körperliche Demütigung zu größerer Seelenkraft käme. Girard gelangte schließlich an sein Ziel und machte es sich von da an zur Gewohnheit, regelmäßig, mitunter mehrere Stunden lang, seine Begierden bei Marie – Catharine zu stillen. Zum Ergötzen der Anwesenden fuhr die junge Frau fort zu schildern, wie Pater Girard sadistischen Praktiken gefrönt und mit einer Peitsche ihr nacktes Hinterteil geschlagen habe, um sie von ihren unheiligen Zweifeln zu reinigen.
Girard für seinen Teil protestierte heftig gegen solche Anschuldigungen. Wenn jemand gesehen habe, wie er seinen Kopf dem ihren genähert habe, dann sei das nur wegen seiner Schwerhörigkeit geschehen. Wenn in seinen Briefen an sie von Liebe die Rede gewesen sei, dann habe er die Liebe gemeint, die jeder Geistliche seinen Anbefohlenen zeigen sollte. Er beschmutzte auch den Ruf seiner einstigen Anhängerin mit der Enthüllung, sie habe mehrere Zeugen bestochen, damit sie diese Geschichte mit ihren Aussagen bestätigten. Marie – Catharine habe auch die von ihr erlebten „Wunder“ vorgetäuscht; einmal habe sie ihr Gesicht mit ihrem Menstruationsblut bestrichen und dann behauptet, beim Zelebrieren der Leiden Christi sei sie wie durch Magie besudelt worden.
Der Richterspruch und seine folgen
Quer durch den Gerichtssaal wurden Beschuldigungen und Gegenbeschuldigungen ausgestossen, und der Prozess drohte in eine Farce abzugleiten. Am 10. Oktober 1631 endete das Gerichtsverfahren, bei solch gegenseitiger Bezichtigungen zeigten sich die Richter unfähig zu entscheiden, wer hingerichtet werden sollte, wenn es überhaupt so sein sollte. Am Ende schickte man Pater Girard zur Kirche zurück, wo er für sein zweifelhaftes Verhalten einen Verweis erhielt, während man Marie – Catharine Cadiere nach Hause gehen ließ, um dort in Frieden bei ihrer Mutter zu leben. Marie – Catharine´s spur verlief sich danach, ob sie wirklich missbraucht wurde, konnte nie geklärt werden. Ein aufgebrachter Mob versuchte, den Priester auf seine Weise zu bestrafen, doch Girard entkam und wurde später von der geistlichen Obrigkeit von jeglicher Schuld freigesprochen. Er starb im Jahr 1733.
Die Medien
Der Fall beschäftigte in Frankreich und jenseits der Grenzen zahllose Autoren. Es wurden nicht wenige Bücher verfasst, die in die schlüpfrigen Einzelheiten jener Angelegenheiten geschildert wurden.
* Der Fall Cadiere. Ein Sittenskandal des 18. Jahrhunderts
von Xavier de Montigny 1989
® Carrygen


