Die makabre Geschichte einer verschrumpelte, knochendürren Gestalt, die nachts eine junge Frau angriff, deutet darauf hin, daß im Viktorianischen England ein Vampir sein Unwesen trieb
Mit Ausnahme einiger Vampir-legenden aus dem Mittelalter waren die Britischen Inseln von dieser Plage auffallend verschont geblieben, zumindest bis zum Jahre 1900, als Augustus Hares Vampirerzählung erstmals veröffentlicht wurde. Viele Autoren haben sie zitiert, aber nur wenige versuchten, der Sache auf den Grund zu gehen. Allerdings ist die von Hare hinterlassene Spur auch nicht einfach zu verfolgen.
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Augustus John Cuthbert Hare (13. März 1834 – 22. Januar 1903
Der Vampir von Croglin Grange erscheint im vierten Band von Hares Autobiographie „The Story of My Life“ (Die Geschichte meines Lebens). Dieses Werk ist eine lose Sammlung von Anekdoten, unglaublichen Geschichten und Auszügen aus seinen Tagebüchern. Die Vampirgeschichte stammt offensichtlich von einem Captain Fisher, die berichtete, dass seine Vorfahren einst einen Besitz in Cumberland (heute Cumbria) – Croglin Grange – gehabt hätten.
Als sie wegzogen, verpachteten sie das Land an zwei Brüder und ihre Schwester. Die Pacht war für sieben Jahre vereinbart. Die drei Freundeten sich schnell mit ihren Nachbarn an und verbrachten ein glückliches erstes Jahr in Croglin. In dem Folgenden heißen Sommer konnte die junge Frau oft nicht schlafen und lag stundenlang im Bett und starrte auf
Mondschein erleuchteten Rasen vor dem Haus. Eines Nachts bemerkte sie, wie ein Wesenhafter Schatten hervorsprang und einen Augenblick an ihrer Fensterscheibe kratzte.
Das Fenster war verschlossen, doch die Gestalt begann, dann die Verstrebungen wegzukratzen. Eine Scheibe sich und fiel in das Zimmer. Ein langer, Finger öffnete den Riegel. und plötzlich stand das Wesen im Zimmer, griff mit seinen verschrumpelten
Finger in ihr Haar, zerrte sie zu sich heran und biss in ihre Kehle. Die Schreie alarmierten die Brüder, die den Vampir über den Rasen und die benachbarte Friedhofsmauer jagten. Obwohl die Wunde mit der Zeit verheilte, drängte der Arzt auf einen Ortswechsel, und so entschieden sich die drei für einen Urlaub in der Schweiz, Nachdem sich die junge Frau wieder erholt hatte, kehrte das Trio nach Croglin zurück.
Der Winter verlief ohne Zwischenfälle. Dann, eines nachts im März, wurde die Frau wieder von einem Kratzen am Fenster geweckt. Es war dieselbe Gestalt. Dieses Mal kamen die Brüder auf die Schreie hin mit Pistolen bewaffnet, Im Kampf wurde das Wesen am Beingetroffen, trotzdem gelang ihm die Flucht. Die Männer sahen jedoch, wohin es verschwand in eine alte Familiengruft des Friedhofs.
Am folgenden Tag öffneten Bewohner des Dorfes die Gruft und stießen auf zerbrochene Särge mit verstümmelten Leichen Lediglich ein Sarg war unbeschädigt. Man stemmte den Deckel auf, und „dort braun, verschrumpelt mumifiziert, doch vollständig erhalten — lag die gleiche schreckliche Gestalt, die durch die Fenster von Croglin Grange geschaut hatte; man konnte noch die Schusswunde im Bein erkennen.
Sie taten das einzige, was einen Vampir zur Strecke bringen kann: Sie verbrannten ihn.“ So beschloss Augustus Hare seinen Bericht von der Erzählung des Captain Fisher. England hatte seinen ersten echten Vampir, und die Geschichte wurde bald Bestandteil der britischen Spuksammlungen.
Party Geschichten
Augustus Hare und Captain Edward Fisher hatten sich im Juni 1874 kennen gelernt. Es war der Vorabend von Fishers Hochzeit mit Hares Cousine Lady Victoria Liddel. Beim Essen erzählte Hare, ein allseits beliebter Unterhalter, schreckliche Geistergeschichten, die er während seiner ausgiebigen Reisen in Europa gesammelt hatte so daß sich Fisher gezwungen fühlte, auch etwas zum besten zu geben.
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Und es folgte die Vampirgeschichte die er im Wesentlichen so schilderte, wie sie Hares dann in seiner Autobiographie aufgeschrieben hatte, reich an Details und überaus anschaulich. Über Fisher selbst ist nur wenig bekannt, Nach einer Hochzeit im Juli des Jahres bewohnte er den
leganten Landsitz Thorncombe. Fisher, dessen voller Name und Titel „Edward Rowe Fisher-Rowe, Late Captain ofthe 4th Dragoon Guards“ lautete, starb am 8. November 1909, an seinem 77. Geburtstag, in Thorncombe seine Frau starb 1935. Wie steht es aber um Fishers Vorfahren? Gehörte Croglin Grange, wo sich die Vampirgeschichte zugetragen haben soll, wirklich zu ihrem Besitz?
Es wurden Nachforschungen angestellt; ein Landhaus Namens Croglin Grange fand man in der angegeben Region von Cumberland allerdings nicht. Da gibt es lediglich ein paar vereinzelte, einsame Bau- und Gutshäuser, von denen Croglin Low Hall am ehesten Frage kommt. Kirchenverzeichnisse und Grabinschriften
belegen, daß die Fishers mit Sicherheit spätestens ab 1730 als Grundbesitzer und Bauern ansässig gewesen waren. Es ist möglich, dass Captain Fisher der Enkel von Edward Fisher (1762—1833) und seiner Frau Deborah gewesen ist, deren Grabsteine auf einem Friedhof in der Nähe von Groglin Low Hall zu finden sind.
Zumindest war die Familie also einmal in der Gegend beheimatet gewesen. Problematisch ist Fishers Beschreibung der Veranda, des Rasens und der gepflegten Bäume von Croglin Grange. Man stellt sich dabei eher einen hübschen Landsitz in anmutiger Gegend vor als die massiven Granitmauern von Croglin Low Hall und die Landschaft, die es umgibt.
Eine weitere Fehlinterpretation betrifft den Friedhof, in den sich der Vampir aus der Geschichte geflüchtet haben soll. Es gibt zwar eine Kirche bei Croglin, aber sie befindet sich fast drei Kilometer von Croglin Low Hall entfernt, hoch oben auf einem Hügel über dem Fluß Croglin Water, selbst für einen energiegeladenen Vampir eine ansehnliche Strecke.
Wohl oder übel muß man sich den Tatsachen stellen: Das Croglin Orange aus der von Hare nacherzählten Geschichte ist möglicherweise nicht das Croglin in Cumberland. Vielleicht hat Hare die Einzelheiten erfunden, um Fishers magere Beschreibung aufzuwerten. Oder Fisher wollte nicht, daß man seine Herkunft aus einer bescheidenen Bauernfamilie herausfand.
Interessant ist auch, dass jener Landsitz aus der Geschichte in vielem Fishers
Heim Thorncombe glich, in das er mit seiner jungen Frau zog. Wie steht es aber um den Kern der Geschichte? Hat es in irgendeinem Landsitz eine junge Frau gegeben, die von einem unheimlichen, blutrünstigen Wesen heimgesucht wurde? Mit anderen Worten:
Wo fand Fisher tatsächlich seinen Vampir?
® Carrygen


