Als 1980 die große Tutanchamun-Ausstellung durch Europa zog, konnte man sich den hölzernen, mit Blattgold beschlagenen Thronsessel des Pharao genauer ansehen. Seine Armlehnen bestehen aus geflügelten Kobras, die die Doppelkrone des vereinigten Reiches Unter- und Oberägypten auf dem Kopf tragen. Auch auf dem goldenen Statuenschrein aus Tutanchamuns Grab ist dieses Symbol zu erkennen. An den Seitenkanten des gewölbten Daches winden sich Schlangen mit ausgebreitetem Gefieder. Als weiteres Beispiel zeigt eine Gürtelschnalle den König auf einem Streitwagen bei der Rückkehr von einem Feldzug. Hinter ihm öffnet eine Kobra die Vogelschwingen, ein Zeichen, daß das Unternehmen unter ihrem Schutz stand und erfolgreich war.

Quetzalcoad
Kein Zweifel, dieses Fabelwesen hat eine überraschende Ähnlichkeit mit der Gefiederten Schlange Quetzalcoad, nur daß dort die Federn eng am Körper des Reptils liegen. Schließlich noch eine Variante des ägyptischen Motivs. Auf der Rückenlehne eines zweiten Thronsessels von Tutanchamun fällt im oberen Teil ein breites goldenes Ornament auf. In der Mitte die geflügelte Sonnenscheibe, in der sich der Sonnengott mit den Uräus Schlangen vereinigt.
Möglicherweise handelt es sich bei all diesen Darstellungen um einen Urgott in Schlangengestalt, den die Ägypter unter verschiedenen Namen verehrten. Ihr Sonnengott Re hat mit dem Gift der Uráus Schlange seine Gegner vernichtet. Diese unscheinbar gefärbte Natter ägyptisch Jarel, „die Aufbäumende“ kommt in Nordafrika vor, richtet sich in der Erregung auf und spreizt die Halsrippen. In dieser Haltung kennen wir sie von vielen Kunstgegenständen des Pharaonenreiches. Ursprünglich begleitete sie die unterägyptische Kronengöttin Uto, die in der vorgeschichtlichen Residenz Buto im Nildelta wohnte. Zusammen mit dem Geier Oberägyptens wurde sie zum Wappentier und Herrschersymbol des vereinigten Reiches. Vermutlich liegen in dieser Kombination die Wurzeln für eine Vermischung von Vogel und Schlange zu einem Schutzgeist.
Quetzalvogel
Auch in Quetzalcoatl sind zwei völlig art und wesensfremde Tiere aufgegangen, Geschöpfe der indianischen Heimat: die Klapperschlange, die in Höhlen überwintert und nur am Boden kriechen kann, und der Quetzalvogel mit seinen grünen, bis zu 80 cm langen Schwanzfedern, der in den Regenwäldern Guatemalas zu Hause ist und in die Lüfte steigt. Verkörpert Quetzalcoad also die Mächte von Himmel und Erde, stellt er die Verbindung zwischen beiden Elementen her, ist er, wie der ägyptische Pharao, gleichzeitig irdischer Herrscher und unsterblicher Gott? Allein bei den Azteken tummelten sich mindestens 1 600 Götter und Dämonen, und ihre Verwandlungskünste waren enorm. Quetzalcoad kann ebenso gut als Mond, als Weltmeer oder nächtlicher Himmelsozean erscheinen.
Der entscheidende Unterschied besteht darin, daß die ägyptischen Pyramiden Totenmonumente waren, bei uns aber trugen sie das Allerheiligste, den Götterschrein oder Sonnentempel. Wenn hier einmal eine Pyramide ein Herrschergrab enthielt, wie beispielsweise in Palenque (Maya-Ruinenstätte), so war es schon lange vorher da, und der Bau wurde erst viel später darüber errichtet, im Gegensatz zum Pharaonenreich, wo die fertige Pyramide samt Grabkammer auf den Tod des Königs wartete.
Auch wenn sich Motive wie die Federschlangen auf den ersten Blick frappierend gleichen, können sie sich völlig unabhängig voneinander an den verschiedensten Ecken der Welt entwickelt haben.
Besuche in der Neuen Welt aus Europa und Afrika, lange vor den ersten bekannten Entdeckern, kann man sich durchaus vorstellen. Die Entfernung zwischen den Erdteilen beträgt nur 1 500 Seemeilen.
Abdel Kader Moktar, der Generaldirektor des Museums für Schöne Künste in Kairo, erklärte im Oktober 1981 auf einem Kongreß in Lima, ägyptische Seefahrer seien schon vor 3.600 Jahren in Mittel- und Südamerika gelandet und hätten verschiedene Elemente ihrer Kultur dort eingeführt. Schemel in Tierform, Graburnen mit einer sitzenden Menschenfigur auf dem Deckel, die Schädeloperationen und die Mumifizierung. Außerdem bestimmte Pflanzen, vor allem die langfaserige ägyptische Baumwolle. Vielleicht ist auch das Bild der Gefiederten Schlange ein solcher Import aus dem Nilreich.
Der deutschstämmige Alejandro de Wuthenau, der sich mit Schiffsreisen der Phönizier, Punier und Ägypter nach Mittelamerika beschäftigt und an Hunderten von ausgegrabenen Figuren eindeutige Merkmale der semitischen Rasse feststellte, hat da seine bitteren Erfahrungen gemacht. Als er behauptete, unter Ramses III. (1184-1153 v. Chr.) sei eine ägyptische Expedition auf der Suche nach der „Unterwelt“ in Mexiko gestrandet.
Die Wissenschaftler stehen auf dem Standpunkt, alle präkolumbischen Kulturen hätten sich in einem von der übrigen Welt abgeschlossenen Raum herausgebildet und völlig selbständig entwickelt. Der Erfindungsreichtum und die schöpferische Kraft der Indianer sei so groß gewesen, daß sie fremde Einflüsse und Anregungen überhaupt nicht nötig gehabt hätten. Diese Auffassung ist genauso grotesk und einseitig wie Versuche der anderen Partei, die frühen Zivilisationen in Mittel- und Südamerika als Kolonien der Alten Welt oder gar als Ableger außerirdischer Reiche hinzustellen.
Inzwischen mußten auch Mexikos Archäologen dazulernen. Es gibt nämlich einen konkreten Hinweis für lang zurückliegende Besuche aus dem Mittelmeergebiet. Unter zwei faul erhaltenen Böden eines Siedlungsplatzes der Azteca-Madatzinea-Kuhur in Tecaxic-Caixthilitiaca (Tal von Toluca/Mexiko) grub man ein Köpfchen in griechisch-römischem Stil aus und datierte es in die Zeit uni 200 n. Chr. Dieser Fund wurde schon 1933 gemacht, aber erst 30 Jahre später zögernd bekanntgegeben. Wer weiß, welche ungewöhnlichen Stücke noch heute in den Depots lateinamerikanischer Museen schlummern und der Öffentlichkeit vorenthalten bleiben, nur weil sie die Archäologen verwirren und ihre Schulmeinung ins Wanken bringen könnten. Warum soll nicht Queizalcoatl einen Vorgänger oder engen Verwandten in Ägypten oder im Nahen Osten gehabt haben? Was spricht dagegen, daß die Kunde von ihm schon vor Jahrtausenden per Schiff über den Atlantik drang?
Sein Tempel in Teotihuacán aus dem 3. Jahrhundert n. Chr. ist ein einziges Tabernakel für ihn und den Regengott Tlaloc. Ihre vorspringenden Köpfe sind allerdings nur noch an der Vorderseite erhalten, das Heiligtum war in einer späteren Bauphase übermalt worden. Nach den gleichmäßig verteilten Skulpturen auf der restaurierten Fassade haben Archäologen ausgerechnet, daß ursprünglich alle vier Wände und Stockwerke der Pyramide verziert waren, und zwar mit genau 365 Köpfen. Das geschah sicher nicht zufällig: Bei den Azteken und Maya zählte das Jahr 365 Tage, genau- soviel wie im ägyptischen Sonnenkalender. Die Bildhauer von Teotihuacän haben den Tempel der Gefiederten Schlange also mit einer ganz bestimmten Zahlensymbolik ausgestattet, die ihre hervorragenden astronomischen Kenntnisse belegt.
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® Carrygen


